Hannelore, * 1925, Germany, Bremen, Arbeiterfamilie

Der Vater war Drucker beim Schünemann Verlag, Bremen. Hannelore hat eine Schwester. Sie heißt Elfriede (*1923).

Wohnraum:
Die Familie wohnte in Großmutter's Haus in Bremen-Walle zur Untermiete für 20 Mark pro Monat. Sie hatten eine Wohnküche, ein Schlafzimmer für die Eltern und den Dachboden. Der Dachboden war in zwei Kammern und eine separate Toilette geteilt. Die eine Kammer teilten sich die zwei Töchter. Sie war mit Vorhängen etwas wohnlich gemacht. Die Mädchen teilten sich ein größeres Bett und hatten einen Kohleherd. Die Kammer hatte ein Dachfenster. Die andere Dachbodenkammer wurde zum Wäschetrocknen verwendet.
Zwei weitere Zimmer vermietete die Großmutter an zwei Junggesellen, Hermann und Oswald. Von "Onkel" Hermann bekam Hannelore hin und wieder einen Groschen und Oswald verschenkte Boskop-Äpfel, die Hannelore sehr gerne mochte.
In der Wohnküche spielte sich das täglich Leben ab. Dort wusch man sich auch und die Mädchen spielten dort bei schlechtem Wetter.

Schule:
Zur Einschulung mit 6 Jahren bekam Hannelore eine Schultüte und einen Lederranzen. Diese Tasche hat sie ihre ganze Schulzeit über begleitet. Als Hannelore ca. 12 Jahre alt, war, wurde der Ranzen zu einer vornehmen "Akten-Tasche" umgearbeitet. Dazu wurden die Schulterriemen entfernt und oben ein Griff angebracht.
Hannelore wurde in einer reinen Mädchenklasse unterrichtet. Die Jungen hatten einen anderen Korridor, einen eigenen Eingang und separaten Pausenhof.
Glücklicherweise gab es nicht zu viele Hausaufgaben, aber es musste stets viel auswendig gelernt werden. Die Eltern legten Wert darauf, dass die Hausaufgaben vorm Spielen erledigt wurden. In den Schulpausen wurde gespielt. Einige Spiele sind weiter unten in der Rubrik "Spiele um 1935 auf der Straße" aufgeführt.
Hannelore drückte die Schulbank mit Freundin Inge. Mittlerweile besteht diese Freundschaft seit ca. 74 Jahren.
In der Schule wurde mit dem Rohrstock gestraft. Mädchen wurden auf die Finger geschlagen. Hannelore hat Glück gehabt. Sie hat den Rohrstock niemals zu spüren bekommen, aber einmal musste sie vor die Tür. Fräulein Vollers war die Klassenlehrerin. Sie erzählte häufig, zur Freude der Schüler, spannende Fantasie-Geschichten von dem Männchen "Koridei" auf einem Schiff. Darunter hat der Geschichtsunterricht gelitten und Hannlore hat die Defizite später gemerkt.

Kleidung:
In ihrer Kindheit trug Hannelore häufig Kleider, die von ihrer Tante Frieda, einer Schneiderin und Schwägerin der Mutter, angefertigt wurden. Diese Tante war nett und gewährte einen Sonderpreis. Ihre Schwester, die zwei Jahre älter ist, und sie bekamen stets gleiche Kleider. Das hatte für Hannelore einen deutlichen Nachteil. Sie musste die Kleider praktisch doppelt tragen, da sie als kleinere die Kleidung der Schwester, auftragen musste. Die Kleider wurdern mit "Pyjama-Stoff" unterfüttert, damit sie nicht kratzten und sie waren so schön kuschelig. Häufig waren die Kleider kariert.
Durch die hübschen und professionell geschneiderten Kleider bekam der Familienvater aus der Nachbarschaft den bewundernden Spruch zu hören: "Judel (er hieß Julius), häst dene Kinner god in Schuss. Die hebben immer gode Tüch an!"
Neben Kleidern wurden auch Faltenröcke mit Pullover oder Bluse getragen.
Kleider oder Röcke waren bis knapp unter das Knie geschnitten.
Oft waren die Kleidungsfarben rot, blau, weiß, rosa, grün und beige.
Hannelore trug von der Oma gehäkelte Leibchen, die hinten mit Wäscheknopfen geschlossen wurden. An den Seiten hatten Leibchen jeweils einen Knopf, an die die Gummibänder (grau-weiß gestreift) für die Strümpfe geknöpft wurden. Unter dem Leibchen wurde ein Unterhemd aus Baumwolle getragen.
Im Winter bestanden die Unterhosen aus plattierten Stoff (Kann jemand genau erklären, was das für ein Stoff ist?). Außen war der Stoff ganz glatt. Innen war er angerauht. Diese Hosen waren mollig warm und hatten Bündchen an Taille und Beinen. Im Sommer wurden dünnere Höschen getragen.
Auch an die langen Strümpfe wurden Wäscheknopfe genäht, an denen dann die Gummibänder befestigt wurden. Im Winter waren die Strümpfe aus Wolle, im Sommer aus Baumwolle. Die langen Strümpfe waren rehbraun. Für besondere Anlässe gab es weiße Kniestrümpfe.
Patentante Hanne (Schwester der Mutter) schenkte jedes Jahr zum Geburtstag ein paar Schuhe.
Über Kleid oder Bluse trug Hannelore Strickjacken oder wie ihre Schwester einen beigen Sommermantel. Für kältere Zeiten hatte Hannelore einen Wintermantel mit Pelzbesatz aus Kaninchenfell. Auch ihr weißer Muff war aus Kaninchenfell gemacht. Handschuhe (Fäustlinge), Mütze und Schal waren gekauft.

Weihnachten um 1930:
An Weihnachten stand ein kleines Bäumchen auf dem Tisch in der Wohnküche. Es war geschmückt mit Kugeln und Engelshaar (das es schon in den 1920ern gab). Besonders bewundert wurden am Baum ein kleines Wattemännchen auf einem Schlitten und eine Trompete, auf der man blasen konnte. Lametta wurde für den Baum nicht verwendet. Den Weihnachtsmann spielte Onkel Heini, der die Treppe hoch polterte und damit die Töchter erschreckte. Geschenke zu Weihnachten bestanden beispielsweise in einem Jahr aus einer blonden Puppe. Im nächsten Jahr saß dieselbe Puppe erneut unter dem Baum, aber mit neuer Kleidung. Zusätzlich gab es Süßigkeiten, eventuell ein paar Kleinigkeiten, ansonsten nützliche Dinge, wie Unterwäsche (z.B. Leibchen, Unterrock), Strümpfe, Kleidung allgemein, Schuhe. Am Weihnachten vor der Einschulung gab es einen Ranzen als Geschenk. Heiligabend gab es Kartoffelsalat mit Pferdewürstchen (die waren billiger). Man ging nicht zur Kirche. Es gab auch kein feierliches "Kaffe trinken". Die Männer arbeiteten lang. Es mag schon mal vorgekommen sein, dass Sie etwas angeheitert ankamen, da sie nach der Arbeit zur Feier des Tages "einen angestoßen" hatten. Am ersten Weihnachtstag kam ein Kaninchen auf den Tisch (Das Kaninchen wurde außen vorm Fenster gelüftet, da es keinen Kühlschrank gab. Vorsicht war angesagt, dass es hoch genug hing, um nicht von den Katzen angefressen zu werden). Es gab selbstgebackenen Klaben (mit Pferdefett). Am zweiten Feiertag blieb man unter sich. Für große Feste fehlte das Geld.

Spiele um 1935 auf der Straße:
- Probe: Spieler nimmt einen Ball und stellt sich vor eine Wand. Der Spieler wirft den Ball gegen die Wand und "kickt" den zurück springenden Ball erneut gegen die Wand. Beim erneuten Zurückschnellen des Balles, wird der Ball dann mit der Brust gegen die geprellt. Das Spiel macht in dieser Weise weiter mit den Armen, Knien und Füßen und dann von neuem. Der Ball darf nicht auf den Boden fallen. Wer am längsten aushält, ohne das der Ball weg springt, hat gewonnen.
- Seilspringen: Da man kein Geld für ein edles Springseil mit Holzgriffen hatte, wurde "Apfelsinentau" verwendet. Mit dieser Art Tau waren im Hafen die Apfelsinenkisten zugebunden. Für das Spiel war das Tau gut geeignet. Das Seil der speziellen Springseile war dünner und damit leichter, wodurch man sich leichter verheddern konnte, als bei "Apfelsinentau".
- Hinkepinke: Mit Kreide wurden kreuzförmig Nummernkästen auf den Boden gemalt (meistens wohl zehn Stück). Beim ersten Durchgang wird ein Steinchen in den ersten Kasten geworfen. Das Steinchen darf nicht vorbei gehen, sonst ist das Spiel verloren. Dann muss einmal durch alle Nummernkästen auf einem Bein gesprungen werden, nur der mit dem Steinchen muss übersprungen werden. Das geht so fort mit Kasten 2, Kasten 3, … bis man durch alle Kästen ist. Verspringt man sich oder das Steinchen ist nicht richtig gelandet, scheidet man aus. Das Spiel ist bis heute bekannt und beliebt. Wahrscheinlich gibt es verschiedene Varianten der Regeln.
- Völkerball: ---
- Schlagball: Das Spiel erinnert an Baseball. Die Mädchen spielten es auf dem Pulverbergplatz, Walle, Bremen

Weiteres aus der Kindheit:
- Hannelore wohnte in der Nähe eines Blumengeschäfts. Zur Konfirmationszeit lieferte Sie Blumen an Konfirmanden aus und bekam dann oft einen Schokokuss oder ein Stück Kuchen als "Trinkgeld".
- Ca. 1937 gab es für 2 Stunden Baby ausfahren 10 Pfennig, wofür man eine Tüte Bruchbonbons bekam.
- Patentante Hanne war "reich". Sie hatte ein Milchgeschäft in Hemelingen. Sie hatte sogar eine "Gute Stube" mit einer Standuhr, die von Hannelore glühend bewundert wurde. Aber mehr als kurz in diese Stube gucken war nicht erlaubt. Sie war nur für besondere Anlässe gedacht, ansonsten wurden die guten Sachen abgedeckt und geschont. Hannelore fand es weniger beeindruckend, wenn sie ihre Tante schwitzend und schruppend in der großen und dampfenden Waschküche über die Milchkannen gebeugt stehen sah.

In den Jahren:
- 1941: Im Pflichtjahr wurde pro Monat 17 Mark Lohn gezahlt
- 1942: Für eine erwachsene Person gab es pro Woche 500gr. Brot, 100gr. Margarine, 100gr. Fleisch.
- 1946: Dieses Jahr hatte einen bitterkalten Nachkriegswinter. An den Fenstern waren Eisblumen, sogar an den Wänden sammelt sich Eis. Nur abends, wenn der Mann nach Hause kam, wurde etwas mit Holz geheizt, was schwierig war, da das Holz feucht war und leicht wieder ausging. Viele Bäume wurden dafür gefällt. Angefrorene Früchte (Rüben, Kartoffeln) vom Feld wurden gegessen. Durch den Frost schmeckten sie unangenehm süßlich. In Erinnerung sind die roten Ohren geblieben, die alle vor Kälte hatten.

Lebensmittel:
- Im Krieg gab es u.a. Brotsuppe. Dafür nahm man dunkles Bier, ein paar Rosinen, Brot, Milch und Zucker, vielleicht auch etwas Zitrone. Es hing immer davon ab, was man gerade ergattern konnte. Die Zutaten wurden gekocht. Das Gericht wurde kalt gegessen.
- Im Krieg gab es ein Getränk, dass "Heißgetränk" genannt wurde und vielleicht mit Saft zu vergleichen ist. Aufgekocht mit Mehl diente es als Marmeladenersatz.
- Oft hieß es im Krieg "Kohldampf schieben", da es einfach kein Essen gab.
- Beim "Hamstern" brachte man beispielsweise Schmuck aufs Land zu den Bauern um ihn gegen Lebensmittel zu tauschen.
- Lebensmittlemarken gab es in den Krisenzeiten einmal im Monat, davon eine Seite pro Woche. Auf dieser Seite waren dann beispielsweise "100 Gramm Fleisch" aufgeführt.

Weiteres:
- Die Spüle nannte man Gossenstein.
- Die Nachkriegszeit war allgemein schwer. Steine musste Hannelore nicht klopfen. Sie hat bei Schünemann in Bremen Lebensmittelmarken geheftet.
- In der Nachkriegszeit wohnte Hannelore mit Mann und Sohn (*1946) in einer kleinen Wohnung, wo ihnen nur eine kleine Kammer und Küche zur Verfügung stand. Sie teilten die Wohnung mit einem Junggesellen. Im Sommer war sie unerträglich warm und stickig. Einige Zeit später freuten sie sich, als sie endlich eine größere Wohnung beziehen konnten.
- Ca. 1950 sind sie auf ein Werftgelände gezogen. Ein erster Eindruck überzeugte nicht. Hannelore trug damals beliebte "Pfennig-Absätze" und damit blieb sie in den großen Abständen im Pakett stecken. Da ihnen die Wohnung dann aber noch ordentlich renoviert wurde, wurde sie doch ein schöner Wohnraum.


Hannelore erzählte uns ihre Erinnerungen in mehreren Gesprächen über das Jahr 2005. Dafür sind wir sehr dankbar.


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