Oswald, 1919, Hamburg, Germany, Oberschicht


Erinnerungen an den Wandel der Technik seit meiner Jugendzeit

1. Elektrizität:

Wann in den normalen Haushaltungen in Hamburg Elektrizität eingeführt worden ist, kann ich nicht mehr sagen. Ich erinnere mich nur, dass mein Vater mir erzählte, dass er noch Schulaufgaben beim Licht einer Petroleum-Lampe gemacht habe.

Das Haus meiner Eltern ist im Jahre 1911 gebaut worden und demzufolge von Anfang an mit elektrischen Leitungen in allen Zimmern ausgestattet worden.

Das Vertrauen in die Elektrizität muss aber damals noch nicht sehr groß gewesen sein, denn in jedem Zimmer wurde auch eine Gasleitung eingebaut, die in der Zimmer-Mitte an der Decke endetet, und so jeder Zeit hätte aktiviert werden können, um als Zuleitung für eine Gaslampe zu dienen, die in den der "Vor-Elektrizitäts-Zeit" als Beleuchtungsmittel diente.

Der Verschluss-Zapfen für die Gasleitung hatte für die ElektroInstallateure auf jeden Fall den Vorteil, dass man daran einen Haken befestigen konnte, der als sicherer Aufhängepunkt für die elektrischen Kronleuchter, die zum Teil recht umfangreich und schwer waren, diente. Die zu der Zeit des Hausbaus übliche Stromart und Spannung war 110 Volt Gleichstrom. Wann die Umstellung auf 220 Volt Wechselstrom erfolgt ist, kann ich nicht mehr genau sagen, es muss so um das Jahr 1934 herum gewesen sein. Ich kann mich nur noch erinnern, wie sehr unserer Dienstmädchen dem guten alten Staubsauger (der etwas die Größe eine Ölfasses hatte) nachtrauerten, der nun ersetzt werden musste.

Die Auswirkungen der Stromumstellung waren in Gedanken an unserer heutigen Haushaltungen noch gering, denn die Ausrüstung mit elektrischen Geräten war noch sehr bescheiden. Für die Umstellung der Beleuchtung ergab sich ja nur die Notwendig, dass die 110 Volt-Birnen gegen solche für 220 Volt ausgetauscht werden mussten. Bei Wärmegeräten, wie Heizöfen und Kochplatten war die Lage schon anders. Im Prinzip hätte man sie mit neuen, angepassten Heizelementen ausrüsten können, doch dürfte sich dies mit Rücksicht auf das meist fortgeschrittene Alter der Geräte kaum gelohnt haben. Anders war es aber mit allen Haushaltgeräten mit Motoren. Hier war der Ersatz unumgänglich. Aber glücklicherweise war der Motorisierungsgrad in Haushaltungen damals noch nicht so weit fortgeschritten, sodass sich der Ersatz in der Regel auf den Staubsauger und den Haarföhn beschränkte.

Dennoch, die Umstellung muss damals doch mit allerlei Kosten verbunden gewesen sein, und wer dafür aufgekommen ist, entzieht sich meiner Kenntnis.

Es gehört heute zur Routine, dass zu einer elektrischen Zuleitung mit Wechselstrom auch ein dritter Pol für die Erdleitung gehört. Diese fehlte natürlich bei allen bestehenden Anlagen, und ich kann daraus nur entnehmen, dass wir nach heutigen Richtlinien, damals sehr gefährlich gelebt haben, indem keine unserer Lampen und keines unserer elektrischen Geräte "geerdet" war, und wir damit - da es sich ja jetzt um 220 Volt Wechselstrom handelte - mit einem erheblichen Gefahrenpotential gelebt haben. Sicherheitsstecker (3-polig in der Schweiz, Schuko-Steckdosen in Deutschland) gab es damals selbstverständlich noch nicht. Die Radio-Industrie hatte dieser Doppelspurigkeit schon Rechnung getragen, denn es gab damals Radio-Geräte, die sowohl für Gleichstrom, als auch für Wechselstrom eingerichtet waren, und wer sich ein neues Radio anschaffte und noch Gleichstrom im Haus hatte, wird sich ein solches Geräte angeschafft haben, um bei der Umstellung keine Schwierigkeiten zu haben. Ob im Übrigen das Kabelsystem im Hause den Anforderungen nach einer besseren Isolierung (wegen der Verdopplung der Spannung) entsprach, kann ich heute nicht mehr sagen. Es wird sicher Häuser gegeben haben, die wegen ungenügender Isolierung Kurzschlüsse gehabt haben, womit ja automatisch auch eine Brandgefahr verbunden war. Kleine "Klingeltransformatoren" für die Niedervoltanlagen der Hausklingel, wie sie heute in jedem Haus zu finden sind, waren damals praktisch unbekannt. Die Klingel wurde von einer Batterie betrieben, die in regelmäßigen Intervallen ersetzt werden musste.

Sämtliche Klingelleitungen endeten damals im Keller, wo sie über einen Kasten mit kleinen Nummerschildern von 1-10 geleitet wurden, und jedes Klingelzeichen bewirkte, dass ein Relais die Nummerklappe des betreffenden Zimmers herabfallen ließ und anzeige, aus welchem Zimmer geklingelt worden war. Diese Einrichtung diente "in der guten alten Zeit" dazu, dass man von jedem Zimmer aus ein Dienstmädchen aus dem Keller herbeirufen konnte. Mit einem Hebel auf der der Seite konnte man das herabgefallene Schild, nach dem man es zur Kenntnis genommen hatte, wieder in die Ausgangslage zurückbringen.

Für damalige Zeiten bereits genial war die Einrichtung, dass die Klingelleitung auch als Haustelefon verwendet werden konnte, denn in jedem Zimmer war unter dem Klingelknopf in der Nähe der Tür, eine kleine Steckdose angebracht, unter welcher an einem Haken ein Telefonhörer hing. Die Gegenstation war wiederum im Keller, wobei die Klingelleitung unterbrochen wurde, wenn man dort den Hörer abnahm, was von unserer Köchin gerne dazu verwendet wurde, dass sie einfach den Hörer abnahm und ihn herab baumeln ließ, wenn wir Kinder die Klingel der Haustüren missbrauchten. Bemerken muss ich aber doch, dass in meiner Jugendzeit diese Telefonanlage nicht mehr in Betrieb war, und mir haben später die ausgedienten Telefonhörer während meiner "Bastelzeit" dazu gedient, für meine selbst gebauten Telefonleitungen Verwendung zu finden, die als Höhepunkt zu einem Haustelefon in das Nachbarhaus dienten, wo vorübergehend eine meiner Tanzstundenfreundinnen wohnte.

Elektrische Strassen sind heute die Norm. Nicht aber damals, als ausschließlich Gasbeleuchtung für die Straßenbeleuchtung diente, auf die ich in meinem Kapitel "Gas" noch einmal zurückkommen werde.

Nach dem Kriege war der Verbrauch elektrischer Energie, wegen der Kohlenknappheit, rationiert, und auf einen bestimmten Tagesverbrauch pro Person beschränkt. Es versteht sich, dass diese Zuteilung bei weitem nicht ausreichte, um einen normalen Bedarf für Licht und Kochen und schon gar nicht zum Heizen zu decken. Ich muss es voller Scham gestehen, dass wir damals kriminell geworden sind, indem ich mit E. eine Einrichtung gebaut habe, mit welcher wir den Elektrizitätszähler überbrückt haben, und welche in die Familiengeschichte unter dem Namen "der kleine Gustav" eingegangen ist, wobei ich nicht weiß, woher der Name entstanden ist. Immer wenn der "kleine Gustav" eingeschaltet worden war, dann wurde im Haus auf Teufel komm heraus Strom verbraucht, und ich muss heute zugeben, dass wir damals ein ziemliches Risiko eingegangen sind, weil sich die Leitungen wegen der Überbelastung zu stark erhitzen konnten oder auch ein Kurzschluss - bei überbrückter Haussicherung - hätte eintreten können. Aber ich nehme an, dass wir nicht die einzigen gewesen sind, die einen "kleinen Gustav" installiert hatten, denn bei den Hamburger Elektrizitätswerken sollen anonym regelmäßig Zahlungen eingegangen sein, von Verbrauchern, die ein schlechtes Gewissen bekommen haben, und wenigstens den Wert des illegal bezogenen Stroms bezahlen wollten, womit allerdings das Problem der Überschreitung des Kontingents nicht gelöst war.

2. Gas:

Erdgas war damals noch unbekannt. Das Stadtgas wurde in den Hamburger Gaswerken aus Steinkohle erzeugt, die entgast wurde, und die alsdann als Steinkohlekoks zum Betrieb der Zentralheizungen verkauft wurde.

Wie schon eingangs berichtet war unser Haus mit einem Netz von Gasleitungen ausgerüstet, welches im Bedarfsfalle in jedem Zimmer eine Gaslampe hätte unterhalten können. Ich kann mich aber nicht erinnern, dass diese Vorsichtsmaßnahme je zum Tragen gekommen ist, nur im Keller noch war an der Wand eine Gaslampe mit einem Glühstrumpf angebracht und ich erinnere noch, dass an ihr an zwei kleinen Ketten zwei kleine Rondellen aufgehängt waren, eine mit "A", die andere mit "Z", die offensichtlich zur Bedienung des Gashahnes der Lampe gedient haben. Nach heutigen Begriffen eine unglaubliche Gefahrenquelle, denn kein Thermostat sicherte diesen Gashahn, wenn er versehentlich oder absichtlich ohne Flamme geöffnet worden wäre.

Nur an eine Besonderheit kann ich mich noch erinnern, dass sich in dem "Toilettzimmer" oder auch "Morgenzimmer" meiner Mutter ein Gasanschluss mit einem Gashahn befand, über dessen Bedeutung ich mir nie klar geworden bin. Erst in den Erinnerungen von Ascan Gobert habe ich gelesen, dass es in Hamburg Brauch war, dass man in dem "Toilettzimmer" oder auch "Morgenzimmer" der Hausfrau das Frühstück einnahm. Und wie konnte es in dem anglophilen Hamburg anders sein, als dass zu einem guten Frühstück auch ein Spiegelei gehörte, was nach den Berichten von Ascan Gobert im "Morgenzimmer" der Mutter auf einem kleinen Gasrechaud zubereitet wurde. Der Architekt unseres Hauses muss dieser Hamburger Gewohnheit Rechnung getragen haben, indem er in dem "Morgenzimmer" meiner Mutter einen Gasanschluss vorsah, den man für die Zubereitung von "ham and eggs" hätte verwenden können. Ich kann mich aber nicht erinnern, dass meine Mutter von dieser Gelegenheit jemals Gebrauch gemacht hat.

Während des Krieges kam mein Vater zu der Ansicht, dass es im Falle der Beschädigung unseres viel zu gefährlich sei, im ganzen Haus eine unter Druck stehende Gasleitung zu haben. Er hat dies daher abtrennen lassen und nur den Kochherd in der Küche direkt mit der Gasuhr verbinden lassen.

Straßenlaternen funktionierten - wie schon berichtet - nur mit Gas. Es muss irgend einen raffinierten Mechanismus gegeben haben, der durch eine kurzzeitigen Druckveränderung in der Leitung einen Zündvorrichtung auslöste. Diese funktionierte jedoch nicht zuverlässig, sodass es zum Straßenbild gehörte, dass bei Eintreten der Dunkelheit der "Gassmann" mit einer langen Stange in den Strassen patrouillierte, jede Gaslampe überprüfte, ob sie auch angezündet war. Und wenn nicht, konnte er mit seiner Stange an einem kleinen Ring ziehen und damit von Hand die Lampe anzünden. In regelmäßigen Abständen mussten die Lampen natürlich auch geputzt werden und hierfür war der Gassmann mit einer Leiter ausgerüstet mit welcher er an der Laterne hochsteigen konnte, um den Glaszylinder gründlich zu putzen.

Nur noch in Erinnerung ist mir ein Reklamespruch geblieben, der in allen Verkehrsmitteln zu lesen war: "Die Hausfrau kennt schon ihre Stütze, Gas gibt sofort die volle Hitze". Wie man sieht, hat sich dies auch in der Zwischenzeit nicht geändert, und der Spruch könnte noch heute gelten.

3. Telefon

In den 20er Jahren werden wohl nur wenige Haushalte bereits ein Telefon gehabt haben, und wer, insbesondere aus beruflichen Gründen, eine solche Einrichtung hatte, war besonders privilegiert.

Die ersten Telefonapparate, die in unserem Haus standen, waren einfache schwarze Kästen mit einer Telefongabel darauf, auf welcher der Hörer ruhte. Wenn man telefonieren wollte, nahm man den Hörer ab und wartete bis sich "das Fräulein vom Amt" meldete, was bei Stosszeiten häufig länger dauern konnte. Ein beliebtes Mittel war, mit der Hand in kurzen Abständen auf die Gabel zu drücken, was in der Telefonzentrale ein Flackern der zuständigen kleinen Lampe am Vermittlungsschrank auslöste, was dem "Fräulein vom Amt" anzeigte, dass ein Teilnehmer dringend eine Verbindung wünschte. Ob dieses "Flackern" etwas genützt hat, oder das Abfragen beschleunigt hat, kann ich heute nicht mehr sagen.

Die Telefonnummern bestanden damals, damit man sie besser behalten konnte aus einem Namen und einer Nummer. Wir hatten auf jeden Fall die Nummer "Merkur 205" und aus der damaligen Zeit ist mir nur noch in Erinnerung gekommen dass man sich ein Taxi mit der Nummer "Vulkan 7000" bestellte.

Eine Besonderheit sei hier schnell eingefügt, dass sich der eingefleischte Hamburger nicht ein Taxi bestellte, sondern einen HEDAG (Hamburger elektrische Droschken AG). Ich muss daraus schließen, dass Taxis ursprünglich mit einem elektrischen Antrieb ausgerüstet waren, und meine Großmutter versäumte nie, mir zu sagen: "Kannst Du mir einen "HEDAG" bestellen", wenn sich ein Taxi braucht.

Diese Telefonvermittlung wurde selbstverständlich von Hand an einem Bedienungstisch mit Schnüren vorgenommen, wobei beim Telefonamt in einem großen Saal Tag und Nacht eine große Anzahl von "Telefonfräuleins" saßen, die die Telefonvermittlungen vornahmen.

Selbstverständlich musste man das "Fernamt" verlangen, wenn man ein Telefongespräch ins Ausland führen wollte, was damals aber nur sehr selten vorkam. Eine Direktwahl ins Ausland, wie sie heute üblich ist, war damals unvorstellbar.

Die Nummer "Merkur 205" wurde dann in "Alster 935" umgeändert, womit bereits die Zeit der automatischen Telefonverbindung mit Dreh-Wählscheibe vorbereitet wurde, denn aus dem "Alster 935" ist später die endgültige Telefonnummer 470935 geworden, die bis an das Ende des Bestehens dieses Telefonanschlusses geblieben ist.

Das Telefon klingelte nur im Keller und wurde immer zunächst von einem unserer Hausmädchen abgenommen. Diese konnten alsdann eine große Klingel in der Mitte des Hauses bedienen:
1 x meine Mutter
2 x mein Vater
3 x H.
und dann weiß ich nicht mehr, ob ich mit 4 x oder 5 x gerufen wurde. Auf jeden Fall nahm die Zahl der Anrufe mit zunehmendem Alter erheblich zu, insbesondere, nachdem auch junge Damen zu den Anrufenden gehörten.

Aber man war sparsam damals und griff nicht so leicht zum Telefon wie heute, und ich weiß eine Familie - und sie wird keine Ausnahme gewesen sein - wo die Kinder für jedes Telefongespräch von ihrem Taschengeld 10 Pfennig in eine Kasse legen mussten.

Dass man Telefonnummern vorprogrammieren konnte, ist bei den heutigen Apparaten fast eine Selbstverständlichkeit, nicht aber damals. So gehörte sicher mein Vater zu den Avantgardisten, wenn er sich nach dem Krieg einen Apparat anschaffte, mit welchem mittels ausgefrästen kleinen Rädchen - für jeden Anschluss ein Rädchen separat - man mittels Hebeldruck die Impulse auslösen konnte, die sonst die Drehscheibe erzeugte. 50 Anschlüsse konnte er programmieren, aber er musste sich für jeden Anschluss ein separates Rädchen anfertigen lassen. Seinen beruflichen Telefonverkehr wird dies sicher sehr beschleunigt haben.

Die Telefonanlage war gekauft und gehörte uns. Aber die Post wird nicht viel Vertrauen in private Telefonanlagen gehabt haben, denn sie verlangte, dass neben dem privaten Telefonanschluss immer noch im Keller ein posteigener Wandapparat installiert war, auf den man bei Bedarf hätte umschalten können, wenn die private Hausanlage nicht funktioniert hätte.

4. Wasser:

Über Wasser lässt sich nicht viel sagen, es floss in Küche, Bad, und WC, wie heute, aus den Wasserhähnen, und welche Bedeutung Trinkwasser in unserem Leben hat, wurden wir uns erst während des Krieges bewusst, als nach den großen Angriffen die Wasserversorgung unterbrochen war. Denn woher nimmt man in einer Großstadt Trinkwasser, wenn aus der Wasserleitung kein Wasser mehr fließt.

5. Verkehrsmittel

Die Hamburger U-Bahn - oder "Hochbahn" wie man sie in Hamburg nennt, ist schon vor dem ersten Weltkrieg gebaut worden, und war für damalige Verhältnisse fortschrittlich.

Man realisiert heute fast nicht mehr wie sehr sich die Verhältnisse auf dem Personalmarkt geändert haben, und es wundert einen nicht, wie viel leichter die ungelernten oder angelernten Arbeitskräfte damals eine Arbeit gefunden haben, und wie viele Posten es noch gab, die heute alle "wegrationalisiert" sind. Wenn man bedenkt, dass zum Beispiel jeder Bahnhofzugang mit mindestens zwei Leuten besetzt war, die in zwei Schichten werktags und sonntags die Fahrkarten am Eingang und Ausgang kontrollierten. Jeder Perron war mit mindestens einem Fahrdienstleiter bestückt, der "zurückbleiben" rief und mit der roten Kelle das Zeichen zur Abfahrt gab. In jedem Zug gab es auch noch einen Beifahrer, der durch Klopfen an die Scheibe, das Signal zum Abfahren an den Zugführer weitergab. Wir beneideten ihn immer, weil er als letzter einsteigen durfte und sich mit elegantem Schwung auf den abfahrenden Zug schwang.

In die Vorschule fuhr ich damals mit der Straßenbahn in die Innenstadt, und ich wundere mich eigentlich, dass meine, sonst so ängstliche Mutter, dies zugelassen hat. Anfangs waren die Tramwagen vorne sogar noch offen und ich habe, besonders im Winter, immer den Fahrer bedauert, der mit dicker Wollmütze, Fausthandschuhen und mit Zeitungspapier ausgestopften Holzschuhen der Kälte zu trotzen versuchte. Später wurden die Fahrerkabinen vorne geschlossen, blieben aber - wie in Zürich damals auch - auf der Seite noch offen, sodass es mit dem Kälteschutz nicht viel besser gewesen sein muss. Tramwagen fuhren immer mit Anhänger, die traditionell für Raucher reserviert waren, und ich kann mich erinnern, dass darin so dicker Rauchnebel war, dass man häufig nicht weit sehen konnte. Wir Kinder benutzten damals häufig den Raucherwagen, weil wir meinten beim dem wüsste man wenigstens noch wonach es stinkt. Von der gesundheitlichen Gefahr des "Passiv-Rauchens" - besonders für Kinder - sprach damals noch kein Mensch. Auch hier war der "Schaffner" (Conducteur sagen wir heute) der Privilegierte, der draußen bleiben durfte und "fääärtig" rief, um dann mit elegantem Schwung auf die anfahrende Bahn aufzuspringen.

Mit der Eisenbahn fuhren wir in der Regel damals nur in den Sommerferien nach Sylt. Andere Reisen haben unsere Eltern kaum mit uns gemacht. 8 Personen fanden damals auf den Holzbänken in der 3. Klasse Platz, und mein Vater war immer besonders stolz, wenn es ihm gelang ein Abteil für die ganze Familie zu reservieren.

Die heutige Generation wird nicht mehr wissen, dass damals ein von einer Dampf-Lokomotive gezogener Zug nicht einfach abfahren konnte, sondern der Lokomotiv-Führer musste zunächst rückwärts fahren und den Zug zusammendrücken, um dann einen Wagen nach dem anderen in Bewegung zu setzten. Einen ganzen Zug auf einmal anzufahren, wie es heute üblich ist, war damals technisch noch nicht möglich.

Das Gepäck reiste im Gepäckwagen des gleichen Zuges mit, wobei die Bahnverwaltung lediglich verlangte, dass man mindestens ½ Stunde vor Abfahrt des Zuges das Gepäck am Gepäckschalter aufgegeben haben musste. Dies war ein Service, von dem die heutigen Reisenden nur noch träumen können.

6. Straßenverkehr

Autos waren in meiner frühren Jugendzeit nur sehr wenig verbreitet und galten als ausgesprochener Luxus. Unser Auto, ein Ford 8 Cyl. Wurde erst im Jahre 1937 angeschafft und hat uns viel Freude gemacht. Er brauchte 16 Liter Benzin auf 100 km, hatte 90 PS und kaum schneller als 100 km/h. Alle 2000 km musste damals Ölwechsel gemacht werden und nach 36000 km waren die Kolben so ausgefahren, dass der Motor einer Generalrevision unterzogen werden musste und mit neuen Kolben ausgestattet werden musste.

Mein Vater lernte erst zu diesem Zeitpunkt Autofahren, und er ist zeitlebens ein schlechter Autofahrer geblieben. Als er auf einem Parkplatz einen Pfahl touchiert hatte und den Schaden der Versicherung meldete, hatte die Agentur Bedenken, das Schadenformular an die Versicherung weiter zu leiten, weil hier die Frage gestellt worden war: "Wer ist nach Ihrer Meinung Schuld am Unfall?" und mein Vater hatte geschrieben: "Ein nicht gesehen habender Pfahl."

Das Straßendreieck vor unserem Haus war praktisch autofrei. Die Gewohnheit das Auto auf der Strasse stehen zu lassen (Laternen-Garage) existierte in der Frühzeit des Autos noch nicht. Dies änderte sich aber nach dem Krieg sehr bald und mein Vater fand es unerhört, dass jetzt vor seinem Haus fremde Autos parkierten, die nichts mit ihm zu tun hatten. Er richtete daher an seinen Nachbarn, Rechtsanwalt N. die Frage, ob es rechtens sei, dass auf der Straße vor seinem Haus fremde Autos abgestellt werden. Rechtsanwalt N. muss wohl einen Referendar in seiner Praxis gehabt haben, den mit der Lösung dieser Rechtsfrage zu beauftragen eine willkommene Gelegenheit gewesen sein muss. Statt eines kurzen Briefes oder gar eines nachbarlich, freundschaftlichen Telefonanrufes kam ein 3-seitiges "Rechtsgutachten" über "den Gemeingebrauch von öffentlichem Grund am G*weg", das in die Familiengeschichte mit dem Kürzel, welches in dem Gutachten verwendet wurde, als "Gg" eingegangen ist.

Wir selbst, als wir noch jung waren, fuhren alle mit dem Fahrrad, und es kam damals gerade die Mode der "Ballonräder" auf, die mit besonders dicken Reifen ausgestattet waren. Ich habe immer davon geträumt, auch einmal ein "Ballonrad" zu haben, aber dieser Wunsch ist nie in Erfüllung gegangen. Und dabei ist es doch eigentlich merkwürdig: heute stattet man wieder Velos mit sehr dünnen Reifen aus, damit sie besonders leicht fahren, und damals konnten die Reifen nicht dick genug sein. Dass unserer Fahrräder mit keinerlei Gangschaltung ausgestattet waren, sei nur am Rande erwähnt. Ich glaube, wir wären uns wie die Könige vorgekommen, wenn wir eine "Shimano-Gangschaltung mit 18 Gängen" gehabt hätten und mancher Schweißtropfen wäre mir erspart geblieben, wenn ich den M*weg-Berg zum Tennis im kleineren Gang hätte hinausfahren können.

7. Radio:

Fernsehen gab es selbstverständlich damals noch nicht, nur Radio. Und da ich Bastler war, baute ich mir schon in jungen Jahren einen "Detektor-Radio-Apparat" mit Kopfhörern und Kristall-Detektor. Es war ein sehr reduziertes Radio-Vergnügen, aber die Apparate waren einfach und billig herzustellen und brauchten noch keinen Strom. Später habe ich diese dann perfektioniert und sie mit einem 1-Röhren-Niederfrequenz-Verstärker ergänzt, sodass man die Sendungen mit einem selbst gebastelten Lautsprecher hören konnte, den ich mir aus einem Kopfhörer gebastelt hatte, in dessen Membrane ich eine Loch gebohrt hatte, um eine Metallschraube darauf zu befestigen, auf die ich einen großen selbstgebauten Kartontrichter als Resonanzverstärker geschraubt hatte. Für heutige Verhältnisse war es ein vorsintflutliches Gerät, "but it worked".

Später kauften dann auch meine Eltern einen richtigen Radio-Apparat mit Lautsprecher, der dann auch als Grammophon-Verstärker für unsere Tanzvergnügungen gedient hat.

8. Zentralheizungen

Einfamilienhäuser, wie das Unsrige, waren in der Regel mit einer Zentralheizung ausgestattet, die mit Steinkohlenkoks geheizt wurden. Ofenheizungen waren bei noch älteren Häusern und Sozialwohnungen aber sehr verbreitet.

Einmal im Jahr kam mit seinem Lastwagen der Kohlenhändler, und kräftige Männer schaufelten den Koks in Weidenkörbe, die sie auf der Schulter in den Keller trugen, wo im Heizungsraum ein Platz für den Koksvorrat reserviert war. Eine aufwendige und wegen des Kohlenstaubs schmutzige Angelegenheit, die bei A. immer schlechte Laune auslöste, weil sie hinterher den Keller wieder sauber machen musste.

Die Bedienung der Heizung oblag A., der Köchin, die aber bis zum Ende ihrer 35-jährigen Dienstzeit nie begriffen hatte, den Mechanismus zu steuern, der die Heizung auf konstante Temperatur hielt. Entweder war es zu heiß im Haus, oder zu kalt, was meine Mutter veranlasste, in dem kleinen Warenlift, der alle Stockwerke durchquerte, heftig mit dem Transportseil an die Wand zu schlagen und durch den Liftschacht in den Keller zu rufen: "A., es ist wieder zu heiß", was A. veranlasste die Luftzufuhr zur Heizung zu schließen, woraufhin es zwei Stunden später zu kalt wurde. Die Heizung musste etwas 3 x am Tage nachgeschaufelt werden, und vor allem die Abfuhr der Asche war eine staubige Angelegenheit. Die Asche wanderte in den Abfallkübel der deshalb in Hamburg nur "Ascheimer" hieß, weil er vornehmlich mit Asche gefüllt war.

Später, als A. uns verlassen hatte, übernahm zunächst unser Vater die Besorgung der Heizung, und er war sehr stolz darauf, im Gegensatz zu A., den Regulierungsmechanismus voll zu beherrschen, sodass er eine konstante Temperatur erreichen konnte. Mit zunehmenden Alter wurde ihm dann doch wohl die Bedienung der Heizung zu beschwerlich, sodass er sie auf Gas umstellte, was sich später für meine Mutter, als Witwe, als sehr vorteilhaft herausstellen sollte.

Warmes Wasser gab es nur im Winter, wenn die Warmwasserzubereitung mit der Heizung kombiniert war. Für den Sommer war ein separater, Kohlegeheizter, Warmwasserboiler im Keller vorgesehen, der aber nur am Samstag geheizt wurde. Samstag war also "Badetag" und die ganze Familie konnte nur an diesem Tag, in gewissen Abständen, ein warmes Bad nehmen. Unter der Woche war nur kaltes Wasser angesagt, und ich weiß nicht, ob deshalb bei uns Kindern im Sommer die Wäsche wohl häufig etwas rudimentärer ausgefallen ist.

Verfasst 1999.
Vielen Dank an die Familie von Oswald für die Erlaubnis der Veröffentlichung auf Album 1900.

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